Es ist angerichtet

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Auf Einladung von TA-SWISS und Science et Cité hat eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern mit Expertinnen und Experten über Ernährungsfragen diskutiert: Warum werden so viele Lebensmittel verschwendet? Wie könnte man sich anders, besser, bewusster, gesünder ernähren, ohne nur irgendeiner Mode aufzusitzen? Welche Rolle spielt die Landwirtschaft, welche die Ernährungsindustrie? Und was könnte oder müsste die Politik beitragen? Die Empfehlungen der Bürgerrunde sind im Schlussbericht nachzulesen – das Vorwort dazu hat die grüne Nationalrätin Adele Thorens verfasst.

Die Kontrolle über unsere Ernährung zurückgewinnen

Die Ernährung spielt in unserem Leben eine zentrale Rolle. Wer leben will, muss essen. Nahrung ist somit ein fixer Bestandteil unseres Alltags, aber alles andere als eine Banalität. Im Gegenteil: Wir haben zum Essen ein intimes Verhältnis, das aus Traditionen, Familiengeschichten und Kultur gewachsen ist. Die Ernährung ist auch das Herzstück unserer Verbindung zur Welt, verleiben wir uns doch beim Essen immer Teile unserer Umwelt ein. Gleichzeitig beeinflussen wir die Umwelt auch, indem wir Land kultivieren, unsere Umgebung gestalten und neue Landschaften erschaffen. Heute werden wir uns immer stärker bewusst, welch wichtige Rolle die Ernährung für unsere Lebensqualität, unsere Gesundheit und auch unsere Umwelt spielt. Die Fülle der Ergebnisse von Focus Food wiederspiegelt dies deutlich. Ein Wunsch zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Bericht: Der Wunsch, wieder die Kontrolle über unsere Ernährung zu erlangen – eine Ernährung, die heute einem Minenfeld gleicht. Woher kommen die Nahrungsmittel, die ich zu mir nehme? Wer hat sie produziert? Wie wurden sie angebaut, wie wurden sie verändert? Was enthalten sie? Sind sie gut für meine Gesundheit oder schaden sie ihr eher? Die Kette der Lebensmittelherstellung ist undurchsichtig geworden – und beunruhigend. Wir können nicht mehr selbst bestimmen, was genau auf unseren Tellern landet. Unser Vertrauen ist erschüttert. Das immer wiederkehrende Schlagwort in den Handlungsansätzen, die von den Focus-Food-Teilnehmenden erarbeitet wurden, lautet «Sensibilisierung». Diese Fokussierung auf die Handlungen des Einzelnen, welche die gesamte Verantwortung auf das letzte Glied in der Kette abschiebt, macht mich betroffen. Mir kommt es vor, als verschlösse man so die Augen vor den Problematiken, die bereits bestehen können, bevor die Ware überhaupt bei den Konsumentinnen und Konsumenten eintrifft: Produktionsdruck, der die natürlichen Ressourcen zerstört, Tyrannei der tiefen Preise, Spekulation im Bereich der Rohstoffe, Geringschätzung des Tierlebens, Verwendung von Zusatzstoffen ohne genaue Kenntnis von deren Einfluss auf unsere Gesundheit, grenzenloses Marketing und Werbung auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit und Lüge, hirnrissige Transportwege usw. Reicht es angesichts dieses Dickichts von Problemen, die Konsumentinnen und Konsumenten zu sensibilisieren? Scheuen wir nicht vielleicht die kollektivere, direktere Konfrontation mit diesen Sachverhalten, weil sie grundsätzliche Fragen aufwirft – Fragen zur Gesamtfunktionsweise unseres von der Diktatur der Unmittelbarkeit charakterisierten Wirtschaftssystems und unserer Gesellschaft? Sich die Zeit nehmen für die Kultivierung von Land und die Aufzucht von Tieren mit der – und nicht gegen die – Natur. Sich Produktion und Verarbeitung zurückholen und wieder die Kontrolle darüber erlangen, die Produzenten treffen und kennenlernen, dem Rhythmus der Jahreszeiten folgen, akzeptieren, dass Ernährung einen Wert hat und somit einen Preis. Sich die Zeit nehmen für die Auswahl von Produkten, Regionales schätzen, selber zubereiten. Die Musse pflegen, die nötig ist, um Geschmack und Geselligkeit zu erleben. Wie auch in anderen Bereichen müssen wir bei der Ernährung den Wert des Hier und Jetzt neu entdecken. Als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Sicher, es braucht verantwortungsbewusste Konsumentinnen und Konsumenten – das allein genügt aber nicht. Autonomie ist nicht möglich ohne Vertrauen in die Anderen. Deshalb bietet dieser Bericht auch andere potenzielle Handlungsansätze. Denn die gesamte Kette der Lebensmittelherstellung muss zur Verantwortung gezogen werden, damit das Vertrauen zwischen Produzenten, Verarbeitern, Verteilern und Konsumenten wieder wachsen kann.

Adèle Thorens, Nationalrätin Grüne

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